Ein Rad, ein Sattel, keine Bremse, kein Lenker. Was aussieht wie ein
Kunststück, ist vor allem eine Frage der Gewöhnung: Das Einrad steht nie
von selbst, es wird in jedem Moment neu ausbalanciert — und genau das
lernt der Körper schneller, als die meisten erwarten.
Warum es überhaupt funktioniert
Ein Fahrrad hält sich nach vorn und hinten von selbst im Gleichgewicht;
das Einrad tut das in keiner Richtung. Es kippt zur Seite, und es kippt
nach vorn und hinten. Beides wird über dieselben zwei Werkzeuge
korrigiert: die Hüfte und die Pedale.
Fällt der Oberkörper nach vorn, treten die Beine schneller und holen das
Rad wieder unter den Schwerpunkt. Neigt sich der Körper zur Seite, dreht
die Hüfte gegen. Weil das Rad direkt angetrieben ist — eine Kurbelumdrehung
gleich eine Radumdrehung, ohne Kette und ohne Freilauf — wirkt jede
Bewegung der Beine sofort. Rückwärtstreten bremst; eine Bremse für den
Alltag braucht es deshalb nicht.
Genau das macht den Anfang unangenehm und das spätere Fahren so ruhig:
Man kann nicht rollen lassen und sich sammeln. Es gibt nur den einen
Zustand, in dem laufend nachgeregelt wird.
Der Weg vom Festhalten zum Freifahren
Fast alle lernen es in derselben Reihenfolge. Die Schritte lassen sich
nicht überspringen, aber jeder einzelne ist klein.
Aufsteigen an der Wand. Sattel unter den Körper, eine Hand
an Wand oder Geländer, das untere Pedal übernimmt das Gewicht.
Sitzen bleiben. Auf dem Sattel sitzen, nicht auf den Pedalen
stehen. Wer steht, ermüdet nach wenigen Minuten.
Loslassen für einen Meter. Nicht auf Strecke fahren, sondern
auf die Anzahl der Versuche. Der Meter wird von allein länger.
Frei aufsteigen. Der Schritt, der am längsten dauert und den
niemand vorher übt — plötzlich ist man vom Geländer unabhängig.
Kurven, Bremsen, Rückwärts. Ab hier wird es Technik statt
Balance, und der Fortschritt ist wieder gut sichtbar.
Was den Anfang leichter macht
Kurze Einheiten Lieber täglich eine
Viertelstunde als einmal in der Woche zwei Stunden. Balance ist Gewöhnung,
nicht Kraft.
Ein Gang mit Geländer Ein Flur, ein Zaun,
eine lange Bank — irgendetwas zum Nachfassen auf ganzer Länge.
Blick nach vorn Wer auf das eigene Rad
schaut, fährt dorthin, wo er hinschaut: nach unten.
Handschuhe Die ersten Stürze gehen fast
immer nach vorn auf die Hände, weil man vom Rad absteigt statt zu fallen.
Spielarten
„Einrad“ ist eine Sammelbezeichnung. Die Geräte unterscheiden sich
deutlicher voneinander als die meisten Fahrradgattungen.
Freestyle
Kleines Laufrad, flache Sattelform, glatter Hallenboden.
Drehungen, Rückwärtsfahren, Fahren auf dem Reifen — die Disziplin, die
dem Kunstradfahren am nächsten steht.
Gelände
Breiter, grobstolliger Reifen, kräftige Nabe, oft eine
zusätzliche Bremse für lange Abfahrten. Wurzeln und Stufen werden
gefahren, nicht umfahren.
Straße und Strecke
Großes Laufrad, lange Sitzposition, teils übersetzte Naben.
Hier zählt gleichmäßiges Rollen über Kilometer statt Technik auf engem
Raum.
Trial
Kurze Kurbeln, dicker Reifen, viel Sprungarbeit. Paletten,
Mauern und Kanten werden im Stand angesprungen und wieder verlassen.
Ballsport
Einradhockey und Einradbasketball werden in Hallen mit
festen Mannschaften gespielt. Der Ball zwingt den Blick nach oben — das
beste Balancetraining, das es gibt.
Alltag
Kurze Wege, Treppenhaus, Aufzug. Ein Einrad passt neben den
Schreibtisch und lässt sich in einer Hand tragen — der praktischste Grund,
warum viele dabeibleiben.
Kennzahlen — grobe Größenordnungen
Die folgenden Angaben sind Größenordnungen aus der Praxis,
keine Normwerte, keine Rekorde und keine Jahreszahlen. Sie sollen ein Gefühl
für die Dimensionen geben; jedes einzelne Rad und jeder einzelne Mensch
weicht davon ab.
Laufradgröße Grob im Bereich von rund
zwanzig bis knapp dreißig Zoll — kleiner für Halle und Technik, größer für
Strecke. Größenordnung, keine feste Einteilung.
Kurbellänge Etwa eine gute Handspanne,
Größenordnung zehn bis fünfzehn Zentimeter. Kurz heißt schnell, lang heißt
Kontrolle.
Gewicht Ungefähr in der Größenordnung
eines gut gefüllten Rucksacks — ein einstelliger Kilogrammbereich bei den
meisten Alltagsrädern.
Lerndauer Größenordnung: einige Stunden
verteilt über ein bis vier Wochen bis zum freien Fahren. Die Streuung ist
groß, das ist der Normalfall und kein Rückstand.
Tempo Auf kleinen Rädern etwa zügiges
Gehen, auf großen Rädern grob langsames Radfahren. Als Hausnummer:
einstelliger bis unterer zweistelliger Kilometer-pro-Stunde-Bereich.
Übersetzung Bei den allermeisten Rädern
direkt: eine Kurbelumdrehung entspricht einer Radumdrehung. Übersetzte
Naben sind die Ausnahme.
Teilezahl Größenordnung eine Handvoll
Baugruppen — Rad, Nabe, Kurbeln, Gabel, Sattelstütze, Sattel. Weniger als
an einem Fahrrad, entsprechend wenig geht kaputt.
Faustregel zur Radgröße — Einordnung, keine Vorschrift:
Radgröße
Passt zu
klein
Halle, Technik, Kinder
mittel
Lernen, Gelände, Alltag
groß
Strecke, Pendeln
Ausrüstung, kurz
Handschuhe oder Handgelenkschoner für die erste Zeit
Ein Helm, sobald es schneller wird als Schrittgeschwindigkeit
Schienbeinschutz, wenn Pedale mit Stiften gefahren werden
Ein Schraubenschlüssel für die Sattelhöhe — mehr Werkzeug braucht es
am Anfang nicht
Die Sattelhöhe stimmt, wenn das Bein am tiefsten Pedalpunkt fast, aber
nicht ganz gestreckt ist. Zu tief kostet Kraft, zu hoch kostet Kontrolle.