SEGELN · GESCHICHTE

Segeln — Geschichte

Vor dem Segel gab es nur den Riemen: Ein Schiff kam so weit, wie Menschen es rudern konnten. Mit dem Segel übernahm eine Kraft den Antrieb, die niemandem gehört, sich nicht verbraucht — und die man nicht bestellen kann. Die Geschichte des Segelns ist die Geschichte davon, wie Menschen gelernt haben, mit dieser Unzuverlässigkeit umzugehen.

Rahsegel Lateinersegel Rahsegler Sportyacht

Das viereckige Segel und seine Grenze

Die älteste Bauform ist das Rahsegel: ein viereckiges Tuch, quer zum Schiff an einer waagerechten Stange aufgehängt. Darstellungen solcher Segel finden sich schon in der Antike, im Mittelmeerraum und am Nil, und die Form hielt sich über Jahrtausende — weil sie einfach zu bauen, einfach zu bedienen und mit dem Wind von hinten außerordentlich wirksam ist.

Ihre Grenze ist ebenso deutlich: Ein reiner Rahsegler kommt gegen den Wind kaum voran. Wer nach Norden wollte und Nordwind hatte, wartete. Ganze Handelsrouten waren deshalb keine Linien auf der Karte, sondern Jahreszeiten: Die Monsunfahrt im Indischen Ozean fuhr hin, wenn der Wind drehte, und zurück, wenn er wieder drehte. Der Fahrplan gehörte dem Wetter.

Das schräge Segel — und was es möglich machte

Die entscheidende Neuerung war das Schratsegel: ein Segel in der Längsrichtung des Schiffes statt quer dazu. Im Mittelmeer wurde es als dreieckiges Lateinersegel an einer schrägen Rah gefahren, andernorts als Sprietsegel oder Gaffelsegel. Ein solches Segel arbeitet nicht mehr nur als Widerstand, den der Wind vor sich her schiebt, sondern wie ein Flügel — und damit lässt sich ein Kurs schräg gegen den Wind fahren.

Aus dieser Fähigkeit folgte alles Weitere. Wer kreuzen kann, ist nicht mehr auf die eine passende Jahreszeit angewiesen. Die Karavellen und Karacken des 15. und 16. Jahrhunderts kombinierten beides: Rahsegel für den Vortrieb auf langen Passagen, ein Lateinersegel achtern für die Steuerfähigkeit. Erst diese Mischung machte Fahrten praktikabel, bei denen niemand wusste, welchen Wind man auf dem Rückweg antreffen würde.

Die letzte große Zeit der Frachtsegler

Im 19. Jahrhundert erreichte der Frachtsegler seine ausgereifteste Form. Klipper mit schlanken Rümpfen und enormer Segelfläche fuhren Tee, Wolle und Passagiere um die Welt, und die Dauer einer Passage war ein öffentlich verhandeltes Gut. Später kamen die großen stählernen Rahsegler, die Windjammer, die vor allem Massengüter über sehr weite Strecken trugen — Salpeter aus Südamerika, Getreide aus Australien, um Kap Hoorn.

Verdrängt wurden sie nicht durch ein besseres Segelschiff, sondern durch die Dampfmaschine und durch die Kanäle. Ein Dampfer fuhr, wenn er sollte, nicht, wenn der Wind wollte, und er konnte den Sueskanal benutzen, den ein Segler ohne Schlepper kaum passierte. Fahrplan schlug Betriebskosten. Die letzten Frachtsegler hielten sich bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, dann endete die Ära endgültig.

Was blieb, ist die Ausbildung: Große Rahsegler fahren bis heute als Schulschiffe. Der Grund ist weniger die Segeltechnik als das, was ein Schiff über Arbeitsteilung, Verlässlichkeit und Wetter beibringt, wenn man tagelang nicht aussteigen kann.

Vom Transportmittel zum Sport

Sobald das Segeln als Erwerbsform zurückging, wurde es als Freizeitform größer. Die Wurzel liegt früher: Yachten als reine Vergnügungs- und Repräsentationsschiffe gab es schon im 17. Jahrhundert, zuerst in den Niederlanden und in England. Im 19. Jahrhundert entstanden die Segelvereine, die Regattaordnungen und die ersten großen Wettfahrten — 1851 die Regatta rund um die Isle of Wight, aus der der America's Cup hervorging.

Mit den Olympischen Spielen ab 1900 wurde Segeln zur Wettkampfsportart mit Klassen und Regeln. Der eigentliche Bruch kam jedoch technisch, nach dem Zweiten Weltkrieg: Sperrholz, dann glasfaserverstärkter Kunststoff machten Boote in Serie herstellbar. Ein Segelboot war nicht länger ein Einzelstück aus der Werft eines Bootsbauers, sondern ein Produkt — und damit für sehr viel mehr Menschen erreichbar.